Dienstag, 13. November 2012

Wolkenbilderraten

Nach einer Ewigkeit sehen wir uns wieder. Sobald ich in seinem Auto sitze, fühlt es sich ein bisschen wie zuhause an. Auch nach so langer Zeit noch. Sein Geruch hängt in den Polstern der Sitze und mit ihm atme ich Erinnerungen an die Tage vor zwei einhalb Jahren ein, als der Frühling die Welt zum Leben erweckte und der Sommer mir ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Er war mein bester Freund. Wir haben uns auseinander gelebt. Sowas kann passieren, ich denke, dass es in Ordnung ist. Während einer ausgiebigen OKF, wie wir sie ab und an zu tun pflegten, werten wir die Ereignisse der vergangenen Monate aus und mit jedem Kilometer, den wir abklappern, fallen mir die Tage ein, die wir zusammen verbrachten. Die Gespräche und Diskussionen, die ich mit ihm führte. Mir fällt auf, was für eine wichtige Rolle er einmal in meinem Leben gespielt hat. Ich kann mit ihm noch genauso gut reden wie damals. Ich kann noch genauso viel Spaß mit ihm machen. Es kommt mir unglaublich vertraut vor und doch ist es nur eine Erinnerung. Wie ein Kinderspielzeug, dass man immer lieben wird, doch mit den Jahren einfach den Bezug dazu verliert.
Stundenlang lagen wir im Gras am Muldenufer. Er hatte mir Gänseblümchen in die Schnürsenkel geflochten, während ich, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und auf einem langen Grashalm kauend, in der Wiese lag und die Wolken beobachtete. Wir rieten Wolkenbilder und beobachteten die Flugzeuge, die lautlos über uns hinwegzogen. Ich konnte mir nichts erträumen, was in diesem Moment hätte schöner sein können als gemeinsam im kalten Gras zu liegen und den Himmel anzustarren.
Wir biegen auf den Parkplatz ab, auf dem wir uns immer getroffen hatten, sitzen noch eine Weile im Auto und reden. Oder besser: ich rede. Ich rede immer, wenn es mir gut geht und ich mich wohl fühle. Umso mehr zeigt es mir, dass sich nichts verändert hat.

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