Ich schaue alte Fotos an. Ich tue das oft, aber diesmal aus einem anderen Grund als sonst. Ich suche Bilder von mir, Bilder die vielleicht ein bisschen zeigen wie ich war. Ich möchte herausfinden, wer ich bin und was aus mir geworden ist. Beim Kroatienurlaub bleibe ich hängen. 2004. Wunderschöne Fotos von drei noch viel schöneren Wochen. Ich war mit Tim dort, meinem Halbonkel, und seinen Eltern. Ich war gerade einmal acht Jahre alt und es hat mich keine Sekunde gestört soweit weg von zuhause zu sein, so weit weg von meinen Eltern. Wahrscheinlich mochte ich es schon damals, wenn ich Ruhe vor allen hatte. Ich weiß nicht, ob ich schon jemals sowas wie Heimweh empfunden habe.
Und plötzlich schießt mir durch den Kopf, warum meine Eltern mich in diesen Urlaub geschickt hatten. Ich schließe den Ordner und öffne den nächsten. Island heißt er, Island 2005. Ich klicke mich durch die Vielzahl von Bildern und bleibe hängen bei einem Foto meines Bruders. Er streckt die Zunge heraus und grinst in die Kamera. Ich sehe das leuchtende blonde Haar und seine tiefblauen Augen und stelle fest, wie wunderschön er ist. Es ist mir noch nie ein schönerer kleiner Junge begegnet als der, der mich gerade aus dem Monitor heraus anschaut. Ich fange an zu lächeln. Ich habe den schönsten Bruder der Welt.
Er sieht so klein aus, so zerbrechlich. Mir läuft eine Träne übers Gesicht. Ich merke, wie viel Stärke in diesem kleinen Körper stecken muss, um jetzt noch bei uns zu sein. Ich fange an zu weinen.
Ich erinnere mich daran, er hat sich wohl selbst das Leben gerettet, als er sagte: "Ich will nicht mehr zum Doktor, Mama, ich will ins Krankenhaus." Ich weiß nicht, ob ich mit vier Jahren jemals den Mut gehabt hätte soetwas zu sagen. Den Mut dazu hätte ich wohl nicht einmal jetzt. Unsere Ärztin hat seine Schmerzen nie ernst genommen. Wenn ich soetwas wie Hass empfinde, dann nur für diese Frau.
Es waren Sommerferien, das war gelegen, denn meine Eltern konnten mich an meinen Opa abschieben. Ich war in Kroatien. Ich glaube damals war mir noch nicht klar, dass sie mich in den Urlaub mitgeschickt haben, weil es so schlecht um meinen Bruder stand. Vielleicht wollten sie, dass ich es nicht mit ansehen muss, im schlimmsten Fall. Ich weiß es bis heute nicht genau.
Ich klicke weiter, weinenden. Unglaublich viele Fotos von ihm und mir. Ob sie das bewusst gemacht haben?
Es kostet mich Überwindung, doch ich traue mir die Vorstellung durch den Kopf gehen zu lassen, was wäre, würde er auf all diesen Bildern fehlen, würde er jetzt fehlen. Der Mensch, den ich so oft meckernd aus meinem Zimmer vertreibe, den ich so oft zurückweise - "jetzt nicht, ich bin beschäftigt". Der Mensch, der meinen Eltern nie erzählt, wenn ich Freunde bei mir hatte. Es fühlt sich leer an.
Mir fällt ein wie er in mein Zimmer kam, nach der Trennung von meinem Freund. Ich habe geweint, genau wie ich es jetzt tue. Er schaute mich mit fragenden Augen an "Was ist passiert?", aber ich konnte nur mit dem Kopf schütteln. Da kam er einfach, legte mir seine kleinen Ärmchen um den Hals und während er mich drückte sagte er es, leise aber doch ganz sicher und klar, "Alles wird gut". Ich habe jeden gehasst, der mir soetwas sagte. Doch aus seinem Mund war es anders. Vielleicht, weil er noch ein Kind war und Kinder wissen, wie man mit den Gefühlen eines Menschen umgehen muss, vielleicht aber auch, und wahrscheinlich genau deswegen, weil vor allem er das Recht hat behaupten zu können, dass alles gut wird.
Noch nie ist mir in so kurzer Zeit klar geworden, wie sehr ich einen Menschen liebe. Wie sehr ich meinen Bruder liebe. Wie sehr ich Lukas liebe, den schönsten Jungen mit dem schönsten Namen der Welt.

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