Ich betrete den Raum. Gemischte Gefühle. Ich suche nach dem Blatt, auf dem mein Name steht, und bin erleichtert, dass ich nicht in der ersten Reihe sitze. Es ist der Moment der Wahrheit - sozusagen. Jetzt wird sich zeigen, was vier Jahre Ausbildung "so nebenbei" wirklich gebracht haben.
Ich lese mir die Prüfung einmal durch und es kommt mir etwas lächerlich vor. Keine Aufgabe, die ich nicht auf Anhieb lösen könnte. Keine Aufgabe, für die man nur annähernd so viel Zeit bräuchte, wie vorgegeben ist. Ich lasse es also ruhig angehen. Das ist immerhin kein gymnasiales Niveau.
Ich schaue meinen Talisman an, den kleinen Mann aus Ton, den meine Mama mir mitgegeben hat und den jeder Aufsichtslehrer mit einem Lächeln auf den Lippen betrachtet. Auch, wenn ich nicht glaube, dass Gegenstände Glück bringen und ich ganz davon abgesehen nicht viel Glück brauche, um in dieser Prüfung gut abzuschneiden, bin ich doch froh, dass er einfach nur auf meinem Tisch steht und mich beim arbeiten beobachtet. Er gibt mir das Gefühl, dass jemand jetzt schon stolz auf mich ist. Auf das was ich mache und auf das was ich erreicht habe. Und irgendwie motiviert es mich.
Ich versuche jede meiner Antworten gut zu durchdenken und auszuformulieren, obwohl das letztendlich kaum eine Rolle spielen wird. Aber warum Dinge nicht so perfekt wie möglich machen, wenn man sie erst einmal in Angriff genommen hat? Ich arbeite mich durch Lagerlogistik, Netzpläne und Betriebsabrechnungsbögen. Ich erstelle Datenbanken und modelliere Geschäftsprozesse, ich mache dies und das, lese jede Aufgabe noch einmal um nichts zu vergessen und mache Häkchen, wenn ich sie gelöst habe.
Ich denke nach über das, was mir gerade passiert. Mir fällt auf was wir alles können, vielleicht nicht das, was wir nach den vier Jahren können sollten, aber immerhin etwas. Wir können Dinge, bei denen unsere Jahrgangskollegen fragend die Stirn runzeln würden. Wir sind ihnen einen Schritt voraus. Wir stehen am Ende einer Berufsausbildung. Wir haben das Wirken von Betrieben kennengelernt, das Leben eines Arbeiters. Elf lange Wochen lang, während andere in der Sonne lagen oder Skipisten unsicher machten, haben wir etwas für unsere Zukunft getan. Ich habe etwas für meine Zukunft getan. Ich kann sogar ein Stück weit mit meinen Eltern mitreden und das gibt mir das Gefühl, dass es sich gelohnt hat. Es wird sich auszahlen, wenn die Zeit dazu gekommen ist und genau das ist es doch, was zählt. Ich bin vorwärts gekommen. Und darauf sollte man stolz sein.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen